Aus dem Archiv (02): Interview mit dem Geisterspiegel

Am 01.08.2013 hat mich der Geisterspiegel anlässlich der Veröffentlichung von Lula inteviewt.

Da ich nicht weiß, wie lange das Interview im Archiv des Geisterspiegels zu lesen sein wird, könnt ihr es hier in voller Länge nachlesen:

15 neue Fragen an … Ralf Jordan von Gunter Arentzen

1. Welche Themen sind Schwerpunkt deines Labels?


Der Begriff »Label« ist für hystereo nicht wirklich passend, denn ich vertreibe meine Hörspiele nicht selbst, sondern brauche immer einen Verlag, der die Produktionen in den Handel bringt, oder einen Produzenten (wie aktuell bei Lula), der die Produktion finanziert. Insofern ist hystereo eher eine Hörspielproduktionsstätte. Aber für dieses Gespräch können wir – um Verwirrung zu vermeiden – gerne bei dem Begriff bleiben!
Also: Schwerpunktmäßig inszeniere ich Einzelhörspiele, die in sich abgeschlossen sind. Dieses Format ist für mich am spannendsten, weil ich so immer wieder etwas anderes abliefern kann und mich und meine Arbeit am Hörspiel immer wieder neu erfinden muss. Es macht mir Spaß, meinen Hörspielen etwas »Abseitiges« oder Außergewöhnliches abzugewinnen. Hörspielserien ermüden den Konsumenten in mir immer sehr schnell und dieses Hörverhalten spiegelt sich natürlich auch in meinen Hörspielen wider.


2. Was bedeutet dir dein Label?


Neben meiner Haupttätigkeit beim NDR und diversen Auftragsarbeiten gibt mir hystereo die Möglichkeit, das zu machen, was ich will. Das ist ein großer Luxus und den möchte ich auf keinen Fall missen! Und wenn dann das, was man macht, auch noch anderen gefällt, ist das ein sehr schönes Gefühl. Das kann so manches Motivationstief oder sonstige Alltags-Schwarze-Löcher überbrücken und füllen!


3. Welche Tätigkeiten gehören zum Berufsbild des Labelbetreibers?


In meinem Fall ist es ein allumfassendes Bild: Wenn ich das Dialogbuch für ein Hörspiel nicht selbst geschrieben habe, was auch oft vorkommt, dann beginnt die Arbeit mit dem Lektorat des Buches. Es folgen die Besetzung, die Organisation, die Inszenierung, die Abmischung und natürlich die Präsentation im Internet. Einzig die graphischen Belange einer Hörspielproduktion wie Cover, Fotos, Videos usw. fasse ich nicht an. So gut meine Ohren sind, so schlecht sind meine Augen, künstlerisch gesprochen!


4. Welche drei Hörspiele/Hörbücher, die du herausgebracht hast, haben dir bisher am besten gefallen?


Es ist ein Klischee, aber an erster Stelle steht mein neuestes Hörspiel Lula. Das finde ich aufgrund seiner dichten, klaustrophobischen Inszenierung sehr gelungen. Das ändert sich erfahrungsgemäß aber sehr schnell, denn nachdem ein Hörspiel von mir auf der Welt ist, kann ich es erst mal eine lange Zeit nicht mehr hören. Was daran liegt, dass ich mich zum einen sehr lange Zeit damit befasst habe und mir andererseits immer noch Dinge auffallen, die ich vielleicht hätte besser machen können, was aber naturgemäß nach der Veröffentlichung nicht mehr möglich ist.
Ebenfalls ganz weit vorne sind die Hörspiele meinTag und Schneetreiben, weil ich dort dem jeweiligen Genre (für mich) neue Aspekte und neue Ideen abgewinnen konnte und meine Regie-Konzepte sehr gut aufgingen.


5. Welches war dein erstes professionell veröffentlichtes Hörspiel/Hörbuch?


Das war 2002 das Hörspiel Papis Liebling. Wobei der Begriff »professionell« sehr dehnbar ist. Aber im Ernst: Das war der Anfang von hystereo, der damals recht gut angekommen ist, wenn ich mich richtig erinnere. Im Zuge der Wiederaufnahme von hystereo 2009 wurde das Hörspiel dann noch einmal von mir neu gemischt und ist auch heute noch erhältlich.


6. Welches spezielle Hörspiel/Hörbuch aus deinem Label würdest du mir zum Einstieg in die Hörspielwelt empfehlen und warum?


Auch hier wieder: Lula. Weil das Hörspiel zeigt, wie interessant und vielschichtig das Medium Hörspiel sein kann. Man sagt ja immer, manchmal kann Hörspiel besser als Film sein, denn die Fantasie eines jeden Einzelnen ist viel reichhaltiger als jedes Kino- oder Fernsehbild. Das ist aber zu kurz gedacht: Denn das passiert ja nicht von alleine! Ich als Regisseur des Hörspiels habe dadurch eine viel größere Verantwortung als die Kollegen des bewegten Bildes. Denn ich bin es, der die Fantasie der Hörer füttern muss und das gelingt nicht immer. Oft reicht schon ein schlecht geführter Sprecher in einer noch so kleinen Rolle und der Zauber ist dahin. Oder ein schlecht gesetztes oder ein zu lautes Geräusch reißt mich sofort aus dem Stoff. Das Gesamtbild muss rund und stimmig sein, damit die Fantasie der Hörer richtig ausgelöst wird. Das ist ein hoher Anspruch und es ist harte Arbeit, diesem gerecht zu werden. Aber ich schweife ab, das gehört eigentlich schon zur Antwort deiner nächsten Frage.
Ich würde dir Lula empfehlen, weil es ein Erwachsenen-Hörspiel ist, das aufgrund seiner psychologisch-reizvollen Geschichte einen Nervenkitzel erreicht, den man im Hörspiel selten vorfindet. Wie eine Testhörerin sagte: »60 Minuten Gänsehaut!«


7. Wie siehst du die Bedingungen für die Branche im Moment?


Das Hauptproblem der Branche ist, dass die meisten freien Labels komplett reaktionär arbeiten. Ich kenne das ja von mir auch, schließlich war mein erster Impuls, Hörspiele zu machen, den großen Vorbildern EUROPA und KARUSSELL nachzueifern. Aber da war ich 13 Jahre alt. Heute mit 38 Jahren darf und kann das für mich kein Maßstab mehr sein! Aber leider sehen viele andere Hörspielmacher dies anders und bleiben tagein tagaus auf der gleichen Schiene, Bestehendes zu kopieren und vermeintlichen Vorbildern nachzueifern. Das geht bei dem Wahn los, unbedingt bekannte Stimmen für seine Produktionen haben zu wollen und endet bei dem krampfhaften Festhalten und Fortführen wollen längst vergangener Serien. Dieser fehlende Mut, sich auf neuen und innovativen Pfaden des Mediums Hörspiel bewegen zu wollen, macht es der Branche sehr schwer, auch außerhalb der Internetblase Aufmerksamkeit zu erregen. Neue Hörer werden nicht erreicht und die Hörspielsammler und Fans im Internet, so begeistert sie auch bei der Sache sind (was ich sehr zu schätzen weiß!), reichen leider nicht aus, um Hörspiele gewinnorientiert zu produzieren. So gesehen dreht sich die freie Hörspielszene im Kreis: Man wagt nichts Neues, um den bestehenden Kundenstamm nicht zu verprellen, lockt aber damit auch keine neuen Kunden hinter dem Ofen vor. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen, aber die gehen zumeist in der Masse unter.


8. Welche Person oder welches Unternehmen hat dich bei der Idee, ein Label zu gründen, am meisten beeinflusst?


Wie oben geschrieben, es war in der Tat das Label EUROPA, dem ich zusammen mit einem Freund 1988 nachgeeifert habe. Der Hauptgrund war dann aber 2001 der Wunsch, unsere eigenen Geschichten veröffentlichen zu können (siehe Papis Liebling).
Die Personen, die mich beeinflussen, sind nicht nur im Hörspiel zu finden. JIM JARMUSCH ist einer davon, weil er die komplette Kontrolle über seine Filme behält und sich künstlerisch unabhängig frei bewegen kann. Das empfinde ich als sehr erstrebenswert. Aber auch Hörspielregisseure wie Heinz von Cramer (wg. seiner Musikalität), Norbert Schaeffer (wg. seiner konsequenten Inszenierungen) oder Sven Stricker (wg. seiner Schauspielerführung und seiner Innovationsfähigkeit) beeinflussen mich ständig.


9. In welchem anderen Genre würdest du dich als Labelbetreiber gern ausprobieren?


Ganz klar: Western! Und irgendwie arbeite ich daran schon immer wieder seit Jahren, dieses doch sehr visuelle Genre adäquat ins Akustische zu übertragen. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt, finde ich. Denn in meinen Augen reicht es nicht, die Handlung einfach ins Jahr 18XY zu verlegen und dann eine Geschichte zu erzählen, die genauso gut 2013 spielen könnte. Da muss etwas Originäres her. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.


10. Welches Hörspiel aus deinem Programm könntest du dir am besten als Film vorstellen und wer sollte die Hauptrolle darin spielen?


Das ist ja eine Frage! Aber gut, ich versuche, sie ernsthaft zu beantworten: Papis Liebling und in den Hauptrollen Maria Ehrich (Leonie) und Volker Bruch (Max).


11. Nach welchen Kriterien erfolgt die Manuskriptauswahl?


Grundsätzlich gilt hier das Lustprinzip. Wenn ich Spaß an einer Geschichte habe und mir schon beim Lesen erste Inszenierungs-Ideen kommen, ist das ein guter Anfang. Aber in der Regel geht es schon früher los: Bei Lula stand als Erstes die Grundidee im Raum, aus der Markus Duschek dann das Dialogbuch entwickelt hat. Von mir kommen in dieser Phase dann Wünsche, weil ich etwas Bestimmtes im Ohr habe oder einen bestimmten Charakterzug in einer Figur finden möchte. Markus ist da immer wunderbar offen und baut diese Dinge dann gut ein.


12. Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?


Das ist sehr verschieden, da ich verschiedene Tätigkeiten ausübe. Auf hystereo bezogen bedeutet das, dass ich in meiner Freizeit versuche, diese Belange zu erledigen. Und da kann es auch mal sein, dass ich nach einem Arbeitstag im Sender auch nochmal 6-8 Stunden in meinem eigenen Studio an einem hystereo-Hörspiel mische. Ich kann diese Frage leider nicht pauschal beantworten, es ist immer wieder anders.


13. Welchen guten Rat hast du für jene, die ebenfalls in der Branche Fuß fassen wollen?


Stellt euch und eure Arbeit immer wieder auf den Prüfstand! Seid nie bequem und ruht euch nie auf euren Lorbeeren aus, so verdient sie auch gewesen sein mögen! Man kann immer besser werden! (Amen.)


14. Woran arbeitest du derzeit?


Lula habe ich nun für TrueBlueMedia fertiggestellt, daneben geht es für den gleichen Verlag konstant mit der Science Fiction-Serie Final Control weiter. Für den NDR arbeite ich in diesem Jahr auch noch an einigen Hörspielen mit, aber jetzt ist erst mal Urlaub angesagt!


15. Was wünschst du dir für dein Label?


hystereo hat ja mit einem Hörspiel pro Jahr einen sehr geringen Output, aber ich wünsche mir, dass es genauso weiter geht, dass ich mir immer den Freiraum halten kann, auch eigene Projekte durchzuführen. Und dann hoffe ich natürlich, dass mir die bisherigen hystereo-Fans gewogen bleiben, und dass auch immer mal wieder neue Fans dazustoßen!

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3 Gedanken zu “Aus dem Archiv (02): Interview mit dem Geisterspiegel

  1. Hallo,
    keine Bange, Ralf, alle Beiträge, die auf dem Geisterspiegel ihren Platz gefunden haben, werden nicht gelöscht. Wir haben gerade mal 10,5 von 100 GB Speicherkapazität belegt. Da ist noch genügend Luft nach oben.

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      • Es ist aus meiner Sicht positiv zu werten, wenn Beiträge, Themen, Meinungen … auf vielen Seiten im Netz aufgegriffen werden und somit eine breite Masse an Usern erreicht wird. Das ist ja Sinn und Zweck nicht nur für ein soziales Netzwerk. Die Interessen sind verschieden, und man hat nicht immer die Zeit, um im Netz stundenlang zu stöbern.

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