Gedanken zur Hörspielarbeit (3)

Bei dem Versuch, mein neuestes Projekt in eine Schublade zu pressen, bin ich bei der Kategorie „Doku-Fiction“ gelandet.

Im TV ist diese Form einer Dokumentation seit einiger Zeit ganz besonders in dem Bereich der „Biographien“ sehr beliebt, bietet sie doch die Möglichkeit, einen historisch belegten Stoff durch eingeschobene Spielszenen näher zu beleuchten, dem Zuschauer das Geschehen auch emotional zu vermitteln und die Protagonisten als Menschen (be-)greifbar zu machen.

So entsteht neben den „harten Fakten“ ein vielschichtiges Portrait, dass neben einem hohen Informationsgehalt auch ein großes Unterhaltungspotential hat. Als positves Beispiel kann ich da die kürzlich gesendete Produktion „Meine Tochter Anne Frank“ anbringen, die mich durch ihre Machart sehr an dieses düstere Thema und das tragische Schicksal des jungen Mädchens herangeführt hat und trotz aller Schwere des Stoffes sehr unterhaltsam war.  

Bei der Arbeit an meinem Projekt muss ich aber feststellen, dass diese Form der Aufbereitung doch einige Tücken hat. Ich stütze mich beim Verfassen des Manuskripts auf über 230 Berichte von Kollegen und Wegbegleitern der Hauptfigur, kann auf rund 100 Zeitungsberichte sowie unzählige Literatur zurückgreifen. Und dennoch muss ich mich be dem Vorhaben, eine „Doku-Fiction“ zu schreiben, auf sehr dünnes Eis begeben: Alle Dokumente zusammen ergeben zwar ein sehr klares Bild von meiner Hauptfigur, wenn es aberdarum geht, den vorgegebenen Lebenslauf mit szenischen Elementen zu mischen, ist höchste Vorsicht geboten. Ich muss bei aller Fantasie, wie ich mir eine Szene vorstelle, nicht nur den Ton der Zeit treffen, sondern darf den Protagonisten auch nicht zu viel von mir „in den Mund“ legen. Das würde alles verraten und vor allem die Glaubwürdigkeit meines Textes untergraben.

Ein Beispiel: Für eine Szene relativ am Anfang des Hörspiels hatte ich zwei „Informanten“:

Sprecher A (mit Namen möchte ich noch nicht so gerne herumwerfen! 😉 ) berichtet über diese Szene in einem Brief, Hauptfigur B erzählte davon in einem Interview. Die Dialoge sind meine Ergänzung, meine Vorstellung, wie es abgelaufen sein könnte, basierend auf den Informationen und Fakten.


Sprecher A (Brief) „Eines Tages sagte jemand zu mir, er sei in einem Weindorf in der Pfalz gewesen und hätte dort im Wirtshaus eine kleine Kapelle gehört, wo ein junger Mann ausgezeichnet Trompete blies und noch besser sang – wie sich herausstellte sogar ein Tenor. Bis ich ihn mir kommen lassen konnte, war sicher ein Jahr vergangen. Er betrat zum ersten Mal eine richtige große Bühne.

Hauptfigur B (Interview) […] Als ich angefangen habe zu singen, da habe ich festgestellt […] dass ich aufgrund der Aufregung und – das schöne handelsübliche Wort Lampenfieber ist hier angebracht – diese Aufregung war so stark, dass es mir drei bis vier Töne in der Höhe weggenommen hat. Ich konnte vor Aufregung nicht singen, was ich sonst im Klavierzimmer spielend leicht … ich habe hohe c’s gesungen, soviel sie wollten, und auf der Bühne war es weg.

Sprecher A (Brief) Am Schluss brach er in Tränen aus. Ich hieß ihn, in mein Zimmer zu kommen.

Szene, Büro

Sprecher A Herr XXX, ich möchte mit ihnen ein Fünf-Jahres-Vertrag, selbstverständlich erstmal nur einen kleinen, vereinbaren.

Hauptfigur B Das kann nur ein Wahnsinniger machen!

Sprecher A Lassen Sie mich ruhig ein Wahnsinniger sein. Natürlich müssen Sie alle Vertragspunkte genauestens erfüllen: Weiteres Studium bei einer bestimmten Lehrerin, Repertoire erlernen, etc.! Sie werden mit winzig kleinen Rollen zum Beispiel im „Troubadour“ oder „Aida“ beginnen – natürlich werden wir sie alle hier aufmerksam beobachten!

Hauptfigur B Aber ich habe gerade fürchterlich gesungen!

Sprecher A Sie haben die Stimme und sie haben Angst – an beidem werden wir arbeiten, junger Mann

Hauptfigur B (Interview) Und da ist mir aufgegangen, dass wenn ich mit dem nicht fertig werde, werde ich niemals Sänger, kann ich nicht. […] Man muss sich, bevor man anfängt zu singen, auf einen Nullpunkt bringen. Nur von da aus kann man weiter. Wenn man das nicht fertig bringt ist ein Singen unmöglich, wenigstens ein Kunstsingen, nicht?


Ich muss also immer nah am Geschehen und den Menschen bleiben, damit die Biographie korrekt bleibt, muss aber ab und an „im Trüben fischen“ und darf mir kleinere künstlerische Freiheiten erlauben, solange ich die Fakten nicht verrate.

Ich finde das unglaublich spannend und die Arbeit am Stoff macht riesig Spass – und ich hoffe, dass am Ende eine hörenswerte Produktion dabei herauskommt! 🙂

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